die Sonnenuhr von St-Remy-de-Provence. Inschrift: Es ist immer Zeit, nichts zu tun.
 

Sonnenuhren in der Literatur

der Sonnenuhrzeiger - zeigt alles über Sonnenuhren

 





Ein so ruhiges, aber wetterwendisches Instrument wie die Sonnenuhr lädt ein zu Symbolik, Betrachtungen und Nachdenken. So wird sie gern als Gegenstand in der Literatur verwendet, in Gedichten, Geschichten, Erzählungen, Romanen und natürlich Reisebeschreibungen.

Wenn man untersucht, wozu die Sonnenuhren in der Literatur verwendet werden, fällt auf, daß sie oft nur ein Requisit darstellt, reine Dekoration, um die beschriebene Szene zu füllen. Effi Briest z.B. scheint ständig eine Sonnenuhr um sich zu haben.
Häufig wird die Sonnenuhr als Symbol benutzt oder auch als Lehrmeister, als moralischer Mahner.

Wir geben Einblicke in die verschiedensten Texte von verschiedensten AutorInnen. Wir hoffen, daß diese Auszüge zum weiterlesen anregen.

Diese Reihe von Auszügen wird regelmäßig erweitert.


#9

Rainer Maria Rilke  (4.12.1875 - 29.12.1926):
aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1908
Die Sonnenuhr

Selten reicht ein Schauer feuchter Fäule
aus dem Gartenschatten, wo einander
Tropfen fallen hören und ein Wander-
vogel lautet, zu der Säule,
die in Majoran und Koriander
steht und Sommerstunden zeigt;

nur sobald die Dame (der ein Diener
nachfolgt) in dem hellen Florentiner
über ihren Rand sich neigt,
wird sie schattig und verschweigt -.

Oder wenn ein sommerlicher Regen
aufkommt aus dem wogenden Bewegen
hoher Kronen, hat sie eine Pause;
denn sie weiß die Zeit nicht auszudrücken,
die dann in den Frucht- und Blumenstücken
plötzlich glüht im weißen Gartenhause.
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Ja, die glühende Zeit !

#8

Jean Paul  (21.3.1763 - 14.11.1825):
Der Komet oder Nikolaus Marggraf
Eine komische Geschichte
/ III. Bändchen, Zwanzig Enklaven, I. Enklave (1820)

Außerhalb der Stadt wurd' ich durch nichts aufgehalten, ausgenommen kurze Zeit weit draußen an der Kirchhofkirche (ein fehlerhafter Name) von einer Sonnenuhr, auf der ich meinen Zeitverlust ersehen wollte; ich mußte einige Minuten warten, bis eine auf der Scheibe ruhende Wolke dem Schatten wieder Platz gemacht. Nur hatt' ich unter dem Hinaufschauen das Unglück, daß ich einem vorbeigehenden Bürger, der guten Tag zu mir sagte, aus Vertiefung ins Zifferblatt mit dem Gegengruß: gute Nacht, mein Freund! antwortete, worauf dieser mit Recht etwas zurückzumurmeln schien. Ich überlegte ein wenig hin und her, aber mein Abscheu, irgendeinem unschuldigen Wesen auch nur im Kleinsten, sogar zufällig, Kränkung zuzufügen, zwang mich, dem Mann nachzulaufen und nachzurufen: "Wahrlich, ich wollte sagen: guten Morgen, guter Freund; nimm Ers nicht übel. "- "Suchen Sie sich künftig einen andern Narren", brummte er mit viertel umgedrehtem Kopfe zurück und schritt hastig vorwärts.
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Ich sagte ja schon: Jean Paul werden wir öfters hier treffen !

Haiku ist eine japanische Gedichtform. Was sie auszeichnet ist schwer zu greifen, noch nicht einmal die Regel, daß er 5 - 7 - 5 Silben haben müsse, ist eindeutig.
Frau Bodmershof gilt als eine der Vorreiterinnnen des deutschsprachigen Haiku.

#7

Imma von Bodmershof  (10.8.1895 - 26.8.1982):
Sonnenuhr (1970)

Fremdes Mondlicht
auf der alten Sonnenuhr -
wo gilt solche Zeit?
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Aus wikipedia: "... Ein Haiku ist konkret. Gegenstand des Haiku ist ein Naturgegenstand außerhalb der menschlichen Natur. Abgebildet wird eine einmalige Situation oder ein einmaliges Ereignis. Diese Situation bzw. dieses Ereignis wird als gegenwärtig dargestellt. Im Haiku findet sich ein Bezug zu den Jahreszeiten.
... Im Deutschen ist das Silbenmuster 5-7-5 allerdings umstritten, da Silben in der deutschen Sprache viel freier gebildet werden können als im Japanischen und daher nicht zwangsläufig einen Rhythmus ergeben. Nach einer Gewöhnung an die typische Kürze des Haiku mittels des strengen Musters verfassen viele Autoren seit einigen Jahren immer öfter Dreizeiler ohne Silbenzählung."

Eine meiner Lieblingsstellen in dieser Liste. Wer erinnert sich nicht an diese Beschreibung von Sam Hawkins und seiner Nase ?

#6

Karl May  (25.2.1842 - 30.3.1912):
Der Ölprinz / Das Kleeblatt

Der vorderste von ihnen war ein kleines, sehr dickes Kerlchen. Unter der wehmütig herabhängenden Krempe eines Filzhutes, dessen Farbe, Alter und Gestalt selbst dem schärfsten Denker ein nicht geringes Kopfzerbrechen verursacht haben würde, blickte zwischen einem Walde von verworrenen, schwarzgrauen Barthaaren eine Nase hervor, welche von fast erschreckenden Dimensionen war und jeder beliebigen Sonnenuhr als Schattenwerfer hätte dienen können. Infolge des gewaltsamen Bartwuchses waren außer diesem so verschwenderisch ausgestatteten Riechorgane von den andern Gesichtsteilen nur zwei kleine, kluge Augen zu bemerken, welche mit einer außerordentlichen Beweglichkeit begabt zu sein schienen und mit dem Ausdrucke schalkhafter List die Gifthütte des Irländers überflogen, während ihr versteckter Blick eigentlich den zwölf Finders galt.
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Daß ich mich fast wortwörtlich an diese Stelle erinnern konnte, hat einen guten Grund: Dieselbe Beschreibung findet sich fast wortwörtlich auch in Winnetou 1, Winnetou 2 und Old Firehand !
Ich finde auch: Wenn etwas gelungen ist, soll mans öfter lesen können!

Jean Paul scheint den Vergleich mit der Sonnenuhr zu lieben, immer verbunden mit gründlichen Überlegungen. Wir werden bestimmt noch mehr von ihm vorstellen.

#5

Jean Paul  (21.3.1763 - 14.11.1825):
Leben des Quintus Fixlein (1796)
Mußteil für Mädchen, 2. Der Mond. Phantasierende Geschichte
Dedikation an meine Pflegeschwester Philippine

Ich habe mich noch in keinem Buche darüber aufgehalten, gute Pflegeschwester, daß ihr Mädchen aus dem Monde so viel macht, daß er der Joujou eueres Herzens ist und das Nestei, um das ihr die andern Sterne herumlegt, wenn ihr Phantasien aus ihnen aussitzt. Er soll auch ferner das Zifferblattsrad der Ideen bleiben, auf die euer Gesicht als eine Monduhr zeigt (denn unseres ist eine Sonnenuhr ), da er wie ein blinkendes Stahlschild im schwarzen Atlasgürtel des Himmels steht - da er nichts schwärzt - da er vielmehr ein Licht wirft, gegen das man keinen Schleier überhängen muß, weil es selber wie einer auf dem Gesichte liegt - da er überhaupt die Sanftmut und Liebe selber ist. Aber über etwas anders könnte man zanken - darüber, daß ihr den guten Mond und seinen da ansässigen Mann mehr lieben und sehen als kennenlernen wollt, wie ihrs auch bei Männern unter dem Monde tut.

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#4

Johann Heinrich Jung - Stilling  (12.9.1740 - 2.4.1817):
Henrich Stillings Jünglings-Jahre (1778)

Henrich kämpfte indessen in seinem beschwerlichen Zustand rechtschaffen; seine Neigung zum Schulhalten war unaussprechlich; aber nur bloß aus dem Grund, um des Handwerks los zu werden, und sich mit Büchern beschäftigen zu können; denn er fühlte selbst gar wohl, daß ihm die Unterrichtung andrer Kinder ew'ge Langeweile machen würde. Doch machte er sich das Leben so erträglich, als es ihm möglich war. Die Mathematik nebst alten Historien und Rittergeschichten war sein Fach; denn er hatte würklich den Tobias Beutel und Bions mathematische Werkschule ziemlich im Kopf; besonders ergötzte ihn die Sonnuhrkunst über die Maße; es sahe komisch aus, wie er sich den Winkel, in welchem er saß und nähte, so nach seiner Phantasie ausstaffiert hatte; die Fensterscheiben waren voll Sonnenuhren, inwendig vor dem Fenster stund ein viereckichter Klotz, in Gestalt eines Würfels, mit Papier überzogen, und auf allen fünf Seiten mit Sonnenuhren bezeichnet, deren Zeiger abgebrochene Nähnadeln waren; oben unter der Stubendecke war gleichfalls eine Sonnenuhr, die von einem Stücklein Spiegel im Fenster erleuchtet wurde; und ein astronomischer Ring von Fischbein hing an einem Faden vor dem Fenster; dieser mußte auch die Stelle der Taschenuhr vertreten, wenn er ausging. Alle diese Uhren waren nicht allein gründlich und richtig gezeichnet, sondern er verstand auch schon dazumal die gemeine Geometrie, nebst Rechnen und Schreiben aus dem Grund, ob er gleich nur ein Knabe von zwölf Jahren, und ein Lehrjunge im Schneiderhandwerk war.

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Goethe darf auf keinen Fall fehlen ...

#3

Johann Wolfgang von Goethe  (28.8.1749 - 22.3.1832):
Italienische Reise / 2. Röm. Aufenthalt / September

Rom, den 3. September.

Ich bin wieder in die ägyptischen Sachen gekommen. Diese Tage war ich einigemal bei dem großen Obelisk, der noch zerbrochen zwischen Schutt und Kot in einem Hofe liegt. Es war der Obelisk des Sesostris, in Rom zu Ehren des Augusts aufgerichtet, und stand als Zeiger der großen Sonnenuhr, die auf dem Boden des Campus Martius gezeichnet war. Dieses älteste und herrlichste vieler Monumente liegt nun da zerbrochen, einige Seiten (wahrscheinlich durchs Feuer) verunstaltet. Und doch liegt es noch da, und die unzerstörten Seiten sind noch frisch, wie gestern gemacht und von der schönsten Arbeit (in ihrer Art). Ich lasse jetzt eine Sphinx der Spitze und die Gesichter von Sphinxen, Menschen, Vögeln abformen und in Gips gießen. Diese unschätzbaren Sachen muß man besitzen, besonders da man sagt, der Papst wolle ihn aufrichten lassen, da man denn die Hieroglyphen nicht mehr erreichen kann.

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#2

Gottlieb Konrad Pfeffel  (28.6.1736 - 1.5.1809):
Poetische Versuche II

Die Sonnenuhr

Was mag die Glocke seyn? Geh, sieh doch, Schwager,
Im Garten auf die Sonnenuhr !
Sprach Junker Hans auf seinem Krankenlager
Zu seinem ländlichen Merkur.

Lips geht, und bringt nach langem Weilen
Die Sonnenuhr vors Kanape:
Da, Herr! seht selber zu! sprach er mit Heulen,
Gott weiß, daß ich vom Dinge nichts versteh!

Jüngst las mir Stauzius aus einer alten Fiebel
Den Schwank, und jauchzte wie ein Kind,
Der gute Mann weis nicht, daß er sich seiner Bibel
Wie Lips der Sonnenuhr bedient.

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Natürlich erscheint es nur dem Leselaien wie mir, daß Effis Sonnenuhr reine Staffage sei. Aber doch nicht bei Fontane ! Die Sonnenuhr zeigt an, daß es noch schöne Stunden gibt, noch ist alles in Ordnung, noch scheint die Sonne - aber in die Zukunft wird schon ein Schatten geworfen ...

#1

Theodor Fontane  (30.12.1819 - 20.9.1898 ):
Effi Briest ( 1895)

In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.

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